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Ohne unser Gehirn ist alles nichts. Software Engineering ist geistige Höchstarbeit. Wie schon in der letzten Ausgabe der Newsletter dargestellt sind die zu entwickelnden Systeme hochkomplexe Gebilde mit einem immensen Grad an Vernetzung und Abhängigkeiten. Nur mit höchster Konzentration lassen sich Änderungen und Weiterentwicklungen derartiger Systeme fehlerfrei durchführen.

Aber wer setzt sich schon mit der Arbeitsweise unseres Gehirns auseinander? Nur weil wir mit ihm geboren wurden bedeutet es nicht, dass wir uns nicht um das optimale Funktionieren kümmern müssen.

Viele gesellschaftliche Entwicklungen, gerade im Berufsumfeld, stehen in direktem Widerspruch zum optimalen Einsatz unseres wichtigsten Werkzeuges. Engineering-Berufe sind davon ganz besonders betroffen.

In dieser Newsletter beleuchten wir nicht nur das Gehirn und die Rahmenbedingungen unter denen es optimal funktioniert. Wir stellen dem Arbeitstechniken, z.B. Scrum und Kanban gegenüber, unter dem Gesichtspunkt der Gehirneffizienz. Eine der wichtigsten Voraussetzung für Ingenieure, die komplexe Systeme entwickeln müssen. 

Veränderung unseres Arbeitsumfeldes

Betrachten wir die Entwicklung unserer Umwelt in den letzten Jahren, dann werden wir feststellen, dass die Quellen, die unsere Sinne reizen, enorm zugenommen haben.

Vor dem Hintergrund, dass unser Kampf- oder Fluchtreflex aus den Urzeiten unserer Evolution immer noch aktiv ist, ist jeder Lichtreflex, den wir im Augenwinkel wahrnehmen und jedes Geräusch eine Ablenkung, die im so genannten Lymbischen System unseres Gehirns bewertet wird. (Dazu
später mehr)

Auch Telefon, Email, Twitter ... verführen zu ständiger Verfügbarkeit. Wie wir im Verlauf dieser Newsletter sehen werden steht diese (Aus Sicht der Kommunikation sehr hilfreiche) Entwicklung direkt konträr zu Konzentration und Höchstleistung unseres Gehirns.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Angefangen bei kohlenhydratreicher Ernährung, Elektrosmog, beeinträchtigte Dauer und Anzahl der Tiefschlafphasen, bis hin zu schlechter Durchblutung, verursacht durch Mangel an Bewegung oder sogar verstopfter Arterien, gibt es eine große Anzahl an Entwicklungen, die der optimalen Funktion unseres Gehirns im Wege stehen.

Auswirkungen der stark zunehmenden Organisationsänderungen in den letzten Jahren

Produktivität sank von 4,8 auf 1,2 Std. / Tag
Privatgespräche stiegen von 0,3 auf 1,2 Std. / Tag
Umschulung von 0,2 auf 1,8 Std. / Tag
Besprechungen stiegen von 1,2 auf 2,8 Std. / Tag

Quelle: Studie des Amerikanischen Amtes für Arbeitsstatistik

Trotz dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse in diesem Bereich werden nur wenige Dinge im Berufsleben berücksichtigt oder umgesetzt.

Das sich all diese Einflüsse tendenziell negativ auf die Produktivität der meisten Berufe auswirken, ist in vielen Untersuchungen längst bewiesen. Steigende Anforderungen bei gleichzeitig sinkender Produktivität werden von einigen Wissenschaftlern heute als eine häufige Ursache des derzeit immensen Anstiegs des BurnOut Syndroms angesehen. BurnOut bedeutet die Produktivität ist zu 60% bis 80% zum Erliegen gekommen.

Peter Molzberger (er war Professor an der Universität der Bundeswehr in München, und ist leider gestorben) hat einmal gesagt (ich wiederhole hier sinngemäß): „CMM, Spice, ISO 9000, V-Modell das sind alles sehr hilfreiche Maßnahmen, die im Softwareengineering nicht mehr wegzudenken sind. Aber letztendlich wird ein neurotischer Softwareentwickler neurotische Software kreieren, trotz all dieser Maßnahmen“.

In dieser Ausgabe der Newsletter möchte ich einen kleinen Wegweiser geben, was wir mit wenig Aufwand tun können, um unserem Gehirn mehr Leistung zu entlocken. Im Verlauf werden wir uns zuerst mit den Basisfunktionen unseres Gehirns vertraut machen, darauf aufbauend lässt sich die Wirkung der Umwelteinflüsse sehr gut erkennen. Zuletzt werden wir einige Arbeitstechniken, unter anderem auch Scrum oder Kanban, in diesem Bezug genauer ansehen. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim lesen.

Aufbau unseres Gehirns

Grundsätzlich besitzt dieses die folgenden drei Bereiche mit
ihren Basisaufgaben:

  • Reptiliengehirn steuert unsere überlebenswichtigen Ur-Reflexe.
  • Lymbisches System - Hier fließen all unsere Sinne zusammen, werden bewertet und steuern unter Anderem unsere Gefühle und einen Großteil unserer Hormone.
  • Neokortex - Das ist der Bereich, zu dem wir direkten Zugang mit unserem Bewusstsein haben. Dieser Teil unseres Gehirns ist aus Sicht der Evolution noch eine sehr neumodische Entwicklung und kann manchmal recht eigenartig funktionieren, wie wir sehen werden. Er ist der Teil mit dem der Mensch die technischen Errungenschaften unserer Zivilisation entwickelt hat, also genau der Teil, der fürs Software Engineering eine wesentliche Rolle spielt.

Neben diesen drei Bereichen gibt es verschiedene Zustände unseres Gehirns.

Auf Basis von EEG (Elektroenzephalografie) lassen sich die Frequenzen messen, mit denen die Synapsen des Gehirns feuern. Diese Frequenzen entsprechen verschiedener Zustände, wie Tiefschlafphase oder REM (Rapid Eye Movement) Schlafphase, aber auch hellwache oder konzentrierte Zustände, dazu später mehr. Dann werden wir uns noch mit dem Kampf- und Fluchtreflex auseinander setzen. So viel vorweg, das Lymbische System kann bei Gefahr unseren Neokortex teilweise abschalten, aber in extremen Notsituationen (z.B. bei einem Autounfall) auch komplett abschalten.

Handlungen werden dann nur noch über das Reptiliengehirn ausgeführt. Die teilweise Abschaltung unseres Neokortex merken wir nicht unbedingt direkt, aber es ist kein Zustand, der für die Tätigkeit des Software Engineering besonders gut geeignet ist.

Gehirnfrequenz und Flow

Kennen Sie Superprogrammierer? In den USA wurde bereits in den 80er Jahren herausgefunden, dass einige wenige Programmierer unvergleichlich bessere Software in kürzerer Zeit ablieferten. Sie kennen die Amerikaner, die wollten natürlich sofort wissen, woran das liegt und was Superprogrammierer anders machen. Lange Zeit konnten die Gründe nicht wirklich herausgefunden werden. Anfang der 90er Jahre wurden ausgiebige Untersuchungen zu diesem Thema, unter anderem von Tom DeMarco und Peter Molzberger durchgeführt, mit folgendem erstaunlichen Ergebnis: Superprogrammierer arbeiten 10mal so effizient wie herkömmliche Programmierer. Ja Sie lesen richtig: Faktor 10 effizienter. Einige Jahre später stellte Tom DeMarco fest, dass unter Anderem das Umfeld am Arbeitsplatz ein maßgebliches Kriterium für die Leistung der Programmierer ist.

Heute ist der Wissensstand so weit, dass wir wissen, was ein störungsfreies Arbeitsumfeld bewirkt. Unser Gehirn kennt verschiedene Zustände. Sie werden durch die Frequenz der Gehirnströme gekennzeichnet. Diese Frequenzen können mit EEG-Geräten gemessen und mit der FFT analysiert werden. Als ich Ende der 90er Jahre zum ersten mal davon gehört habe, war ich so fasziniert, dass ich mir ein EEG-Gerät gekauft habe. Zuerst habe ich damit meine eigenen Gehirnströme gemessen, dann die meiner Mitarbeiter und am Ende die einiger Kunden.

In nebenstehender Box sehen Sie die Gehirnfrequenzen. Besonders konzentriert und kreativ arbeitet unser Gehirn im Bereich des so genannten Alpha-Zustandes. In diesem Zustand arbeiten zum Beispiel gute Künstler oder die Superprogrammierer 10mal effizienter. In ihm haben wir Verbindung zur Intuition und Kreativität. Vor allem aber können wir uns konzentrieren und lassen uns weniger von der Umwelt ablenken.

Frequenzen und damit verbundene Gehirnzustände

Um in den Alpha- Zustand zu kommen, benötigen untrainierte Menschen ca. 20 oder sogar 30 Minuten. Abhängig von der aktuellen Stressbelastung und dem äußeren Umfeld geht es manchmal schneller oder dauert sogar länger. Nur eine Störung innerhalb dieser Zeit und die Uhr fängt von vorne an zu laufen. Jetzt wissen Sie, warum Sie so selten wirklich effizient arbeiten. Wann haben Sie schon einmal 20 Minuten unterbrechungsfreie Zeit? Und selbst wenn Sie einmal 30 Minuten störungsfreie Zeit haben, dann arbeiten Sie wahrscheinlich nur die letzten 10 Minuten davon wirklich effizient. Und das ist der größte Feind diese Zustandes: Stress!

Wahrscheinlich kennen Sie alle diesen Zustand der absoluten Konzentration und kreativen Höchstleistung, z.B. Freitags nach 17:00 Uhr. Sie müssen eine Arbeit am Montag abliefern und sind inzwischen der Einzige, der noch im Büro arbeitet, Kunden rufen nicht mehr an. Um 21:00 Uhr sind Sie fertig. Die letzten Stunden sind wie im Flug vergangen, und Sie haben geschafft, was Sie schon die ganze Woche zu schaffen versucht haben. Und wenn Sie die Qualität Ihrer Arbeit betrachten, stellen Sie fest, dass sie außergewöhnlich ist.

Reize unserer Umwelt stehen in direktem Widerspruch zu diesem Zustand. Die meisten Menschen benötigen 20 - 30 Minuten ungestörte Zeit, um in diesen Zustand zu kommen. Nur eine Störung und die Uhr tickt von vorne. Wann hatten Sie das letzte mal 30 Minuten störungsfreie Zeit?
In der Abbildung Nr. 2 sehen Sie von mir gemessene Gehirnzustände. Einmal mit sehr hohem Beta-Anteil, in diesem Zustand ist Konzentration nicht möglich, eben so wenig das Hineindenken in komplexe Software. Die Arbeit wird dementsprechend ineffizient und von geringer Qualität sein. Daneben ist ein Zustand mit hohem AlphaAnteil. Das ist der Zustand, in dem Fokus und optimale Konzentration möglich ist. Hier werden Sie auf Grund des hohen Fokus ein Telefon, das klingelt eventuell nicht einmal wahrnehmen. Dieser Zustand wird häufig auch als ,Flow‘ bezeichnet.

Kampf-oder Fluchtreflex

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Die gestrichelten Linien sind Unterbrechungen in Form von gewönlichen Telefonaten oder Mitarbeitern, die Fragen hatten. Interessant ist, dass diese Unterbrechungen im allgemeinen nicht als Stress empfunden werden. Unser Lymbisches System sieht das anders, wie auf dieser Kurve
deutlich zu sehen ist.

Abgesehen davon, dass Stress uns in den Beta-Zustand führt, gibt es eine weitere Auswirkung, die noch fataler ist. Die durch Stress produzierten Hormone (Adrenalin und Cortisol) bewirken das Einschalten unseres Reptiliengehirns (Diencephalon) und das Ausschalten unseres neuzeitlichen Gehirns (Neokortex). Dieses Phänomen wird Fight or Flight Response (Kampf- oder Fluchtreflex) genannt. Dieser Reflex ist als überlebenswichtiger Schutzfaktor angeboren.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Einer Ihrer Vorfahren geht zum Beerenpflücken, auf dem Rückweg soll er noch ein paar Kräuter sammeln. Plötzlich steht ein Bär vor ihm. Was meinen Sie, was passiert? Ihr Vorfahre schlägt in seinem neuzeitlichen Terminplan-System nach und überlegt, was er nun als erstes tun soll? Na, erkennen Sie den Sinn hinter der Funktion von Stress? „Ohne überlegen wegrennen!!“ Unser Neokortex wird aus-, das Reptiliengehirn eingeschaltet. Das Reptiliengehirn denkt nicht, es handelt. Das hat über Jahrtausende unser Überleben gesichert.

Heute ist es die Hauptursache für ineffizientes Arbeiten. Wie sieht eine ähnliche Situation nun bei Ihnen aus? Sie sitzen am Frühstückstisch und Ihr 12 Jahre alter Sohn zieht einen Zettel mit dem Hinweis des Klassenlehrers aus der Tasche, auf dem steht, dass die Versetzung gefährdet ist. Aufregung und Diskussion. Sie verspäten sich, kommen in den 8:00 Uhr Stau und um 9:00 Uhr ist eine interne Besprechung angesetzt. Der Inhalt der Besprechung war nicht gerade entspannend. Endlich sitzen Sie an Ihrem Schreibtisch, Ihr Stresspegel ist inzwischen eher hoch. Sie haben sich vorgenommen, eine lange anstehende, wichtige Tätigkeit auszuüben, nämlich das Software Design für Ihr neues Projekt. Jetzt klingelt das Telefon (ein weiterer kleiner Stressimpuls), Ihr Reptiliengehirn wird aktiv und Sie fangen sofort an, auf das Telefonat zu reagieren, egal ob die Anfrage wichtig oder unwichtig war. In der Mittagspause stellen Sie fest, dass Sie eigentlich nur auf neue Anfragen, Emails und Telefonate reagiert haben. Ihr Design ist noch keinen Schritt weiter gekommen. Damit nicht genug - am Abend liegen zehn angefangene Vorgänge auf Ihrem Schreibtisch und Sie haben das Gefühl, nicht wirklich etwas getan zu haben.

In Zeitmanagement-Lehrgängen lernen Sie Aufgaben zu priorisieren und ordentlich nacheinender abzuarbeiten. Die Krux an der Geschichte: In diesem Sinne priorisieren kann nur der Neokortex, aber der ist ja inzwischen ausgeschaltet, es regiert das Diencephalon. 

Sie sollten sich ab sofort keine Vorwürfe mehr machen, wenn Sie in diesen Zuständen sind. Bewusst können Sie dem nicht begegnen, das einzige was Sie können ist Ihren Stresslevel zu reduzieren.

Aber geht das überhaupt? In wie weit können wir denn unser Arbeitsumfeld beeinflussen? Sicher können wir in eingeschränktem Umfang unser Telefon und Outlook abschalten. Aber dem sind Grenzen gesetzt.

Zum Glück gibt es da die Formel I. Wenn jemand die höchste Form von Stress hat, dann sind es Formel I - Piloten. Hier hat man schon in den 70er Jahren das Problem erkannt. Ab der 2. Runde war von strategischem Fahren nicht mehr die Rede, fight or flight respons hat dominiert und zu Unfällen geführt.

Aber es wurde ein einfacher Mechanismus gefunden, wie sich die Produktion der Stresshormone Adrenalin und Cortisol positiv beeinflussen lassen; Wie das funktioniert erfahren Sie später bei den Lösungen.

Gehirnintegration Voraussetzung für Höchstleistung

Kennen Sie das, dass Ihnen gerade ein Name oder ein Begriff nicht einfällt? Wir wissen ihn, aber er ist genau in diesem Augenblick nicht erreichbar. Einige Zeit später fällt er uns wieder ein. Wir sagen in dieser Situation häufig: ,Er liegt mir auf der Zunge‘.

Dieser Zustand ist Dank der Kinesiologie heute erklärbar. Unser Gehirn hat mehrere physische Bereiche. Vielleicht haben Sie schon einmal davon gehört, dass zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte oder Hemisphäre unterschieden wird. Beiden Teilen des Gehirns werden unterschiedliche Aufgaben zugeschrieben. Genau genommen, lässt sich unser Neokortex in sehr viel weitere Bereiche unterteilen, denen bestimmte Aufgaben zugeordnet werden. All diese Bereiche können miteinander kommunizieren. Z.B. kommuniziert die rechte Gehirnhälfte mit der linken über das Corpus Calossum, unsere Kommunikations-Zentrale. Wenn diese gut funktioniert können alle Gehirnteile integrativ arbeiten. Wir sprechen dann von voller Gehirnintegration. In bestimmten Situationen kann diese Kommunikation aber auch gestört sein, wenn sie zum Beispiel zwischen rechter und linker Gehirnhälfte eingeschränkt ist, dann befindet sich unser Gehirn im so genannten homolateralen Zustand. Funktioniert die Kommunikation, befinden wir uns im multilateralen Zustand.

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Evolutionär gesehen ist der multilaterale Zustand später entwickelt. Unsere Vorfahren kannten nur den homolateralen Zustand.

Nun kann das Gehirn auch bei uns Menschen mit weiter entwickeltem Bewusstsein in den homolateralen Zustand wechseln. Eine der häufigsten Ursachen dafür ist wieder einmal Stress. In diesem Zustand empfängt unser Lymbisches System sensorische Signale, die als bedrohlich eingestuft werden. Kennen Sie unter Microsoft Windows die Möglichkeit Windows im betriebssicheren Modus zu booten? Das tut dann auch unser Gehirn. Bestimmte Bereiche werden einfach abgeschaltet. Informationen die dort liegen können dann nicht erreicht werden.

Das ist häufig ein Zustand in dem sich lernbehinderte Kinder befinden. Die Kinesiologie beschäftigt sich mit lerngeschwächten Kindern. Hier wird dieses Phänomen allgemein als Switching bezeichnet und es gibt viele Übungen, um die volle Gehirnintegration wieder herzustellen.

Dabei kommt die Koordination von Bewegungen der Gehirnintegration zugute. Sie weden sicher schon einmal gehört haben, dass unsere linke Gehirnhälfte für die Koordintaion des rechten Muskeltonus zuständig ist und umgekehrt. Wenn wir nun so genannte Kreuzbewegungen durchführen (das sind Bewegungen in denen wir z.B. mit beiden Händen gleichzeitig kreisende Bewegungen durchführen, die über die Körpermitte hinaus gehen) dann zwingen wir rechte und linke Gehirnhälfte zur Kooperation und das Corpus Callosum aktiviert die dafür verantwortlichen Synapsen.

Es gibt viele weitere Formen dieses homolateralen Zustandes. Sehr häufig ist die Kommunikation zwischen linker und rechter Gehirnhälfte nicht vollständig verfügbar. Eine der Auswirkungen in diesem Fall ist die eingeschränkte Orientierung in multidimensionaler Hinsicht. Die Orientierung ist damit stark eingeschränkt. Das gilt nicht nur für Orientierung in unserer Umwelt, sondern auch für die Orientierung in unserer Software. In den vorherigen Newslettern haben wir ja erfahren, dass auch unsere Software mehrere Dimensionen besitzt.

Die Implikation aus diesem Zustand ist auf der Ebene der Empfindung das Gefühl, dass man sich nicht konzentrieren kann und auf der Ebene der Handlung Ineffizienz und Häufung von Fehlern.

Jonglieren ist übrigens eine hervorragende Möglichkeit für eine gute Gehirnintegration zu sorgen.

Die UML zum Beispiel verbindet grafische ModellierungsElemente mit Text-Elementen. Hier sind rechte und linke Gehirnhälfte gefordert, sprich volle Gehirnintegration.

Wie können wir das volle Potential unseres Gehirns erreichen?

Wie wir gesehen haben ist Stress einer der Hauptgegner für Kreativität und Konzentration. Unser Lymbisches System entscheidet, ob eine Situation für uns Stress bedeutet. Können wir daran überhautpt etwas ändern? Hier kommt die positive Nachricht: Ja.

Der Körper und der Geist des Menschen stehen immer in Zusammenhang. Physische Veränderungen haben immer auch Einfluss auf unsere Psyche und umgekehrt. Um das kurz zu verdeutlichen, möchte ich Sie zu einer Übung einladen. Sie ist sehr einfach und Sie können sie in wenigen Sekunden gedanklich durchführen.

Stellen Sie sich dafür eine leuchtend gelbe Zitrone vor. Vierteln Sie nun gedanklich diese Zitrone mit einem Messer, nehmen ein Viertel, beißen Sie hinein und lutschen Sie den sauren Saft heraus. Sie sollten alle Sinne in dieses virtuelle Erlebnis einbeziehen. Spüren Sie den Saft, wie fühlt es sich in Ihrem Mund an? Wie ist das Gefühl des Fruchtfleisches? Malen Sie sich diese Situation mit allen Sinnen genau aus. Wie schmeckt der Saft, der aus dem Fruchtfleisch in Ihren Mund spritzt. Schmecken Sie den Saft?

Und .......... was passiert physisch bei Ihnen? Läuft Ihnen bei dieser Vorstellung Wasser im Munde zusammen? Dann hat die Übung funktioniert. Ich habe Ihnen einen rein imaginären Reiz geliefert und damit reale physische Reaktionen angeregt.

Allein die Gedanken waren ausreichend, um eine physische Reaktion hervorzurufen. Es gibt also eine Verbindung zwischen unseren Gedanken und Gefühlen und unserem physischen Körper. Ich erzähle Ihnen hier ja nichts grundlegend Neues, in der Medizin weiß man seit Längerem, dass der Gesundungsprozess auch stark vom Willen oder Glauben des Patienten abhängt. Dieser Sachverhalt hat in der Medizin den Namen Placebo-Effekt. Das machen wir uns in den Übungen zunutze. Was eben in der Übung den Körper beeinflusst hat, funktioniert auch umgekehrt, Körper beeinflusst Geist.

Natürlich weiß man schon lange, dass Draufschlagen oder Wegrennen unsere Stresshormone senken. Nur diese Art der Stressbewältigung bietet sich zum Beispiel dem Formel I-Piloten innerhalb eines Rennens nicht. Und in diesem Umfeld wurde nach einer Alternative gesucht und sie wurde gefunden.

Unsere physischen Stressreflexe sind Einatmen, anspannen des Musculus Trapezius (Hals-Schulter Muskel - Die Wissenschaft vermutet, dass damit die Hauptschlagader geschützt werden soll), und Muskulus Frontalis (Stirnmuskel). Parallel stimuliert das Lymbische System die Produktion von Adrenalin und Cortisol. Das wiederum schaltet unseren Neokortex aus. Wenn nun Psyche und Physe in Zusammenhang stehen, was passiert dann wenn wir ganz bewusst Muskulus Trapezius und Frontalis entspannen und tief ausatmen? Und das ist genau das, was Formel 1-Piloten während eines Rennens tun: Bewusste Entspannung und tiefe Ausatmung. Probieren Sie es selbst einmal während einer Autobahnfahrt aus.

Entspannung im Kutschersitz

Früher sollen die Droschkenkutscher, wenn sie müde von der Tagesarbeit nach Hause fuhren, diese Haltung eingenommen und gedöst haben. Die Pferde wussten den Weg nach Hause, und die Haltung war entspannend und so stabil, dass die Kutscher nicht umkippen konnten. So nehmen Sie den Kutschersitz ein: Rücken Sie dazu den Stuhl vom Tisch weg, setzen Sie sich aufrecht auf den vorderen Teil des Stuhles und lassen Sie sich dann in sich zusammensacken. Die Füße stehen voll auf dem Boden. Die Unterarme liegen auf den Oberschenkeln, die Hände hängen locker nach unten, ohne sich zu berühren. Der Rücken bildet einen Katzbuckel. Lassen Sie den Kopf locker nach vorne hängen. Fühlen Sie in Ihren Schultern und der Nackenmuskulatur nach Anspannung und lassen Sie los. Lassen Sie auch alle Gedanken los und atmen Sie bewusst tief aus.

Es funktioniert. Wenn wir unsere Muskeln bewusst entspannen und tief ausatmen können wir damit die Produktion unserer Stresshormone beeinflussen. Zum Beispiel, wenn Sie sich in den so genannten Kutschersitz begeben (Siehe Infobox) und alle Muskeln im Schulterbereich entspannen, ausatmen und die Augen schließen. Bei dieser Übung sollten Sie ganz bei sich sein und nicht Ihren Gedanken anhaften. Das Ergebnis dieser Übung ist in Abbildung Nr. 4 zu sehen.

Dort sehen Sie von oben nach unten den Hautleitwert als relativen Stress-Indikator, darunter die Anspanung des Muskulus Trapezius, ganz unten die AlphaFrequenzenanteile der Gehirnsynapsen. Vor dem vertikalen Strich sehen Sie die Person am Schreibtisch bei üblichen Arbeiten. Ab dem Strich wird die Übung durchgeführt. Beeindruckend, wie sofort der Alpha-Anteil der Gehirnströme steigt. Die steigenden Alpha-Schwingungen werden durch das Schließen der Augen stark beeinflusst. Wenn bei der Übung die Augen nicht geschlossen werden, dauert es merklich länger sich dem Alpha-Zustand zu nähern. Eine Erklärung dafür habe ich nicht, dieses aber mehrfach nachgemessen.

Wasser ist Leben

Bringen Sie Ihre Energie in Fluss. Permanenter Stress bewirkt die Produktion von unzähligen Hormonen und Botenstoffen in unserem Körper. Da wir den Kampf- und Fluchtreflex nicht mehr wirklich ausleben und uns nur ungenügend bewegen, müssen diese Stoffe auf andere Art im Körper verarbeitet werden. Lange Anspannung von Muskeln unter Stress bewirkt eine verminderte Durchblutung. Der Muskel schaltet auf anaerobe Verbrennung, das erhöht den Anteil der beim Verbrennungsprozess entstehenden Schlackestoffe. Der Körper übersäuert.

Diese Liste könnte noch über einige Seiten fortgeführt werden. Um die Auswirkungen all dieser Vorgänge besser zu verarbeiten benötigt unser Körper Wasser. Wasser hilft den Lymphen beim Transport von Abfallstoffen, Wasser hilft der Niere beim Ausschwemmen von Schadstoffen, Wasser hilft dem Blut beim Transport von Sauerstoff und letztendlich besteht unsere Gehirnmasse zu über 90% aus Wasser. Das hat sicherlich seinen Sinn.

Wasser ist eine Hauptvoraussetzung für Nervenimpulse. Steht unserem Gehirn zu wenig Wasser zur Verfügung, dann wird der Neokortex als erstes abgeschaltet, um dem Lymbischen System und unserem Reptiliengehirn genügend Wasser zur Verfügung zu stellen. Mangel an Wasser verursacht Konzentrationsschwäche.

Experten empfehlen pro kg Körpergewicht 200 mg reines Wasser zu trinken. Für einen Erwachsenen mit einem Gewicht von 75 kg entspricht das 1,5 Liter pro Tag. Stress und körperliche Bewegung erhöhen die Ausscheidung von Flüssigkeit über die Haut. Dadurch entsteht ein erhöhter Wasserbedarf, der zusätzlich ausgeglichen werden muss.

In der Ruhe liegt die Kraft

Im eigentlichen Sinn bedeutet Meditation = gedankenfrei. An nichts zu denken ist die höchste Form der Entspannung und gleichzeitig ist es die Schwierigste.

Jeder Gedanke spiegelt sich in unserm Körper als Anspannung eines Muskels wider. An nichts zu denken bedeutet auch keine Anspannungen im muskulären System und umgekehrt.

Trainieren Sie an nichts zu denken. So unglaublich es klingt, an nichts zu denken ist wie Aerobic für die Konzentration.

Sich auf etwas zu konzentrieren, das ist die Gedanken von allem zu lösen und sich auf nur noch eines zu fokussieren.

Es ist Entspannung und Anspannung zu gleich, auch wenn das gegensätzlich klingt. Meditation ist das Training sich auf nichts zu konzentrieren und dabei alles loszulassen, so dass die Gedanken, die kommen auch gleich wieder gehen.

Ich weiß, es hört sich ungewohnt an, aber Sie können mir glauben es ist das effizienteste Training, um schnell in den Alpha-Zustand zu kommen.

Wer täglich meditiert kann erreichen, dass er binnen einer Sekunde in den Alpha-Zustand kommt trotz der äußeren Reize unserer Umwelt. Das ist, was Superprogrammierer beherrschen (Warum auch immer ohne Meditationsübung).

Aber Meditation hat noch viele weitere Vorteile. Sie senkt das Stresshormon Cortisol und das ist der Gegenspieler des Wachstumhormons ACTH. Dieses wirkt sich positiv auf viele wichtige Körperfunktionen aus, bis hin zur Stabilisierung unseres Immunsystems.

 

Vorgehensweisen im Engineering

Kanban: von Push zu Pull

Toyota hat schon in den 50er Jahren die Effizienz in Produktionsprozessen positiv beeinflusst, indem von so genanten Push- zu Pull-Systemen gewechselt wurde.

Daraus ist das Vorgehen Kanban entstanden. David Anderson, der die Methode ins Software Engineering brachte, erklärt die Grundzüge von Kanban sehr schön mit einem eigenen Erlebnis. Er schildert in seinem Buch ,Kanban‘ wie er in Japan mit einem dortigen Kollegen einen Park besucht. Beim Eintritt wurde eine Karte ausgegeben, die er beim Verlassen wieder abgeben musste. Es wurde aber kein Eintrittsgeld verlangt, Verwundert über den Sinn hat er seinen Kollegen gefragt, was es mit den Karten auf sich hat, und dieser erklärte: „Das ist Kanban. Der Park verträgt nur eine gewisse Anzahl an Besuchern. Bei zu vielen gleichzeitigen Besuchern geht sein Erholungswert verloren. Mit den Karten wird gemessen wie viel Besucher gerade im Park sind. Wenn alle Karten vergeben sind, wird erst wieder ein Besucher in den Park gelassen, nach dem ein anderer herauskommt und seine Karte abgibt. Mit diesem einfachen System ist gesichert, dass nicht zu viele Besucher gleichzeitig im Park sind.“

Überlastete Systeme werden ineffizient. Heute wird in den meisten Unternehmen immer mehr Arbeit in die Prozesse hinein gedrückt (Push), das erzeugt u.A. Stress bei den Mitarbeitern und die Effizienz sinkt. Effizienter geht es, wenn der Prozess sich neue Arbeit holt, sobald eine Arbeit abgeschlossen ist. Der Übergang von sogenannten Push- zu Pull-Systemen verhindert Stress.

Auch im Software Engineering entsteht Stress in den Köpfen der Entwickler, wenn die Arbeitsflut größer ist, als bewältigt werden kann, und was Stress bedeutet haben wir ja gesehen. Kanban ist eine hervorragende Methode im Software Engineering den so genannten Workload so zu steuern, dass weniger Stress und damit verbunden mehr Alpha-Zustand entsteht. Entgegen vieler Bedenken von Managern steigt dann der Output. Toyota macht es vor, mit großem Erfolg seit Jahrzehnten.

Scrum

Scrum ist eine weitere Möglichkeit Entwicklern bessere Bedingungen zu geben, um in störungsfreien Zeiten in den Alpha-Zustand zu kommen.

An dieser Stelle verzichte ich darauf Scrum zu erläutern. Für alle Leser, die Scrum nicht kennen, auf Wikipedia können Sie sich in kurzer Zeit einen sehr guten Eindruck von Scrum verschaffen.

Evtl. erkennen Sie schon selbständig, warum Scrum sehr gut geeignet ist gehirngerechte Arbeitsverhältnisse zu schaffen. Auf Basis der Velocity ergibt sich für den Workload eine Pull- Situation.

Die Sprint-Phase wird frei gehalten von Change Requests und anderen Störungen. Das sind die besten Voraussetzungen für störungsfreie Zeiten und weniger Stress und um in den Alpha-Zustand zu gelangen.

Das Handling von Change Requests wird durch das Product Backlog trotzdem ausreichend berücksichtig. Ich persönlich halte Scrum für eine sehr gehirngerechte Vorgehensweise, um Workload zu managen.

Oft wird behauptet, dass agile Vorgehensweisen für die Entwicklung z.B. von sicherheitsrelevanten Systemen nicht geeignet ist. Das ist aus meiner Sicht nicht so. Herkömmliche Techniken des Anforderungsmanagements, Traceability von Anforderungen, Testtechniken ... lassen sich hervorragend mit Scrum oder Kanban verbinden.

Resümee

Also vergessen wir nicht unser wichtigstes Werkzeug, unser Gehirn und die Rahmenbedingungen unter denen es optimal funktioniert. In diesem Sinn hat Stress einen großen Einfluss auf die Produktivität im Engineering.

Jeder Entwickler hat Spielraum, unabhängig von den äußeren Bedingungen, Stress zu vermeiden oder zu lernen mit Stress besser umzugehen. Zum Beispiel mit:

  • Kinesiologischen Übungen zur Gehirnintegration
  • Methoden zur Stressbewältigung (Muskelentspannung und/oder Bewegung ohne Leistungsdruck)
  • Mentalem Training zur Konzentration (Meditation)

Sie alle helfen die Produktivität im Engineering zu erhöhen. Parallel können Sie sich dafür einsetzen, dass neue Arbeitstechniken wie Getting Things Done, Kanban, Scrum ... eingeführt werden. Sie helfen das Arbeitsumfeld abzuschirmen und Stress zu vermeiden. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen Kreativität und Focus, vor allem aber Erfolg im Engineering.

 

 

Lesenswertes zur Vertiefung

Lernsprünge
Eine bahnbrechende Methode zur Integration des Gehirns Charles T. Krebs / Jenny Brown

Die menschliche Seite des Projekterfolgs
Peter Siwon

Wie ich die Dinge geregelt kriege Selbstmanagement für den Alltag
David Allen

Wikipedia
Scrum / Kanban / Getting Things Done

Autor:

Andreas Willert
Haben Sie noch Fragen oder Anregungen zum Thema? Dann freue ich mich über eine E-Mail: awillert@willert.de

Herausgeber:

WILLERT SOFTWARE TOOLS GMBH
Hannoversche Straße 21
31675 Bückeburg
E-Mail: info@willert.de
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